Erik Varden ist als Bischof von Trondheim auch im Vatikan eine gefragte Stimme. Ein Interview über Priester in der Diaspora.
Sehr geehrter Herr Bischof Varden, Sie sind Vorsitzender der Nordischen Bischofskonferenz und haben dieses Jahr die Fastenexerzitien für Papst Leo XIV. geleitet. War die Einladung aus Rom auch Ausdruck für ein wachsendes Interesse an Stimmen aus der Diaspora?
Wer weiß? In der Kirche ist das Zentrum, theologisch gesehen, grundsätzlich wo Christus ist, also nicht geografisch bestimmt. Der Zweck einer Exerzitienwoche ist es, sich wieder zentrieren zu lassen.
Voriges Jahr ernannte Sie Papst Leo XIV. zum Mitglied des Dikasteriums für den Klerus. Da geht es auch um die zeitgerechte Bildung von Priestern. Welche Botschaft aus der Diaspora ist dabei wichtig?
Ein Priester muss, um andere nähren zu können, selbst genährt werden. Deswegen dauert die Priesterausbildung mehrere Jahre: Man braucht wissenschaftliche Kompetenz. Dazu braucht man Bildung im Gebetsleben, eine gute Einführung in den geistigen Kampf und – der Punkt ist wichtig – die Gelegenheit, tiefe, brüderliche Freundschaften mit anderen Priestern zu formen. In den nordischen Ländern, wo die Priester oft weit voneinander leben und der Einsamkeit ausgesetzt sind, erkennen wir, wie wichtig alle Elemente sind.
In Deutschland wächst die Sorge vor einer Vereinsamung von Priestern, wenn Dorfkirchen verschwinden und großflächige Pastorale Räume entstehen. Was ist Ihr Rat aus der Diaspora?
Verbindungen nähren, Gemeinschaft fördern, auch wo es keine offenbaren Strukturen mehr gibt. Das Stundengebet ist in diesem Zusammenhang ein großes Geschenk. Durch das Mitbeten nimmt man Teil am Gebet der Kirche, auch wenn man allein ist. Die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils unterstrichen, dass wenn die Christgläubigen „diesen wunderbaren Lobgesang recht vollziehen, dann ist dies wahrhaft die Stimme der Braut, die zum Bräutigam spricht, ja es ist das Gebet, das Christus vereint mit seinem Leibe an seinen Vater richtet“.
»Das Stundengebet ist ein großes Geschenk. Durch das Mitbeten nimmt man Teil am Gebet der Kirche, auch wenn man allein ist.«
Bischof Erik Varden
Was bedeutet das für die Praxis?
Diese Perspektive müssen wir immer wieder uns selbst und anderen öffnen. Durch den Lobgesang, durch den Umgang mit Gottes Wort, durch das Fürbeten, wird ein Fundament gelegt für eine wahre, wirksame communio. Dazu kommt die karitative Dimension des Christseins. Wie zeigt sich mir Christus in meinem Nächsten? Wie kann ich ihm helfen, ihm ein Zeichen der Güte zeigen, ihm meine Freundschaft anbieten? Habe ich den Mut, mir solche Fragen zu stellen, um dann nach den Antworten zu handeln, dann blüht die Kirche auf, auch in der entferntesten Wildnis.
Die Kirche im Norden feiert das 1.200-jährige Jubiläum der Missionsreise des heiligen Ansgar. Was können wir für die Evangelisierung heute von einem mittelalterlichen Missionar lernen?
Mut, Ausdauer, großzügige Nächstenliebe!
Sie sehen die Säkularisierung in Skandinavien am Ende und beobachten eine wachsende Kirche. Was sind die Ursachen?
Die Säkularisierung ist per Definition kein unendlicher Prozess: Sie schließt die Kategorie des Unendlichen aus. Ich denke, die Säkularisierung ist bei uns so mehr oder weniger am Ende, weil sie ihre Arbeit vollendet hat. Es gibt nichts mehr zu säkularisieren! Der Mensch bleibt aber suchend. Seine tief existenzielle Sehnsucht lässt sich nicht mit ein paar oberflächlichen Formeln abschalten – Gott sei Dank!
Sie sind Prälat von Trondheim und zugleich Apostolischer Administrator der Prälatur Tromsø, die seit dem Rücktritt von Bischof Grgić 2023 vakant ist. Wann wird es dort einen Nachfolger geben?
Ich hoffe bald; aber auf diese Frage kann wohl nur der Heilige Stuhl eine Antwort geben. Inzwischen gibt es in der Prälatur Tromsø ganz viel Vitalität und Lebenskraft . Die Leute da oben sitzen nicht einfach herum und warten. Sie bemühen sich, den katholischen Glauben in Fülle auszuleben, mit Begeisterung und Dankbarkeit!
Die Fragen stellte Marcus Thielking.